Fund - Oma
Piet wurde gemobbt. Aus keinem besonderen Grund. Oder halt aus jedem. Wegen seiner Größe, seinen Ohren, seiner Nase, Statur, Augenform, Gangart, Stimme, Interessen. Aber all diese Sachen, neben all den anderen, die zu diesem Text jetzt nur Länge und nicht Inhalt beitragen würden, waren nicht sortierbar. Sie wurden alle perfekt gleich oft an ihm bemängelt und als Grund für Spott verwendet. Absurd perfekt. Deshalb hasste Piet auch keinen seiner Peiniger. Sie waren einfach zu gut in dem, was sie taten. Zu makellos. Sie schafften es ihn sich jederzeit und an jedem Ort, ja, auch zu Hause, absolut unsicher über alle seine Attribute zu fühlen.
Sein Spitzname in der Schule war Feet Pic Piet. Fuß Bild Piet. Wer auch immer sich das ausgedacht hatte, hatte sich mit vollem Herzblut nach einem abwertenden Reim auf “Piet“ verzehrt und war sogar bilingual geworden, um sein Ziel zu erreichen. Was eine Entschlossenheit, dachte sich Piet da nur.
Eines Tages, als Piet seine Verfolger abgehängt hatte, was ein seltener Glücksfall war, fand er auf dem Gehweg ein Passbild. So ein Passbild, von denen man an so einem Automaten immer vier bekommt. Dieses verlorene Passbild, auf magische Weise noch sauber, als wäre es gerade erst verloren worden, bildete eine Frau Ende siebzig ab. Zumindest schätze Piet das so. Ein schräger Fund. Sogar für jemanden wie Piet, der oft Dinge auf dem Boden fand und auflas. War auch nicht schwer, da er immer und überall mit gesengtem Kopf langging. Aber ein Passbild hatte er noch nie gefunden. Piet betrachtete es auch gar nicht weiter, stopfte die Omi in seine Hosentasche zu zwei Center Schocks, einer leeren Packung Smint und seiner leeren In-Ear-Kopfhörer-Schatulle und ging nach Hause.
Zu Hause angekommen machte er sich eine Tiefkühlpizza und als sie leicht angebrannt aus dem Ofen kam schrie er so laut, dass ihn sicherlich das ganze Haus hätte hören können. Wäre jemand da gewesen. Ach, wäre doch einfach irgendwann mal jemand da gewesen, als Piet jemanden gebraucht hatte. Irgendjemand. Hätte irgendjemand ihn doch nur irgendwann mal schreien gehört an einem dieser Tage und mit einem dieser Tage beschreiben wir hier jeden Tag seit der 6. Klasse für Piet. Aber nirgendjemand hatte Piet nirgendwann schreien gehört, seit Piet ein Baby war. Selbst wenn irgendjemand Piet irgendwann mal irgendwo hätte so schreien gehört, wäre er, sie, oder es ihm sicherlich nicht nähergekommen. Piet schrie nicht, wie normale Manschen schreien. Nicht wütend, oder aus Schmerz. Piet schrie wie jemand, der es zu gut hat, um zu weinen.
Piet warf die Pizza weg und ging auf sein Zimmer. Es machte keinen Spaß das ganze Haus für sich zu haben. Jeder Raum, der nicht sein Zimmer war, fühlte sich so sehr viel zu leer an, wenn er allein dort war. Er ließ sich auf sein Bett fallen und döste weg. Das war seine Flucht. Früher hatte er viel gelesen, Filme und Serien geschaut, oder gezockt, um vor seinem Leben zu fliehen aber seit einem Jahr oder so lag er einfach nur da und döste. Das und wenn er nachts irgendwann viel zu spät einschlief, war das Nächste, wie er an innere Ruhe kam. In seinem Kopf, hinter seinen Augenlidern bildete sich dann immer ein Nebel, der blieb, auch wenn er seine Augen öffnete.
Das war besser als jede Droge, dachte sich Piet, der noch nie betrunken gewesen war. Und er hatte auch noch nie an einer Zigarette oder einem Joint gezogen. Er überhörte in der Schule gelegentlich die Gespräche der anderen über ihre Partys. Die Drogen. Die Drogenkonsumenten. Die Drogensüchtigen. Er wurde aus offensichtlichen Gründen nicht eingeladen. Selbst wenn Piet das Verlangen nach Drogen gehabt hätte, er wäre nicht drangekommen. Er kam an die anderen schlicht und einfach nicht ran.
Morgen war Samstag. Keine Schule. Piet würde einkaufen gehen müssen. Das fand Piet auch hinter all dem geistigen Nebel ärgerlich. Piets Nachmittags- und Abendgestaltung ist für diese Geschichte nicht weiter von Relevanz, war aber so wenig sonderbar für einen Jungen in seinem Alter, wie produktiv. Darum lassen wir sie hier aus.
Auch Piet fiel erst am nächsten Vormittag wieder so richtig in seinen Körper, als er an der Bushaltestelle saß und ein Auto direkt vor ihm hupte. Als das Hupen seinen Schleier aus Nebel schmerzhaft durchdrungen hatte, war es schon zu spät für Piet, um sagen zu können, warum das Auto überhaupt gehupt hatte. Piet kramte in seiner Hosentasche nach einem Center Schock und zog leicht verdutzt das Bild der Passfoto- Omi heraus. Er betrachtete es einige Sekunden lang. Sie sah aus wie so eine Hilda, oder Margarethe. War sie auch auf seine Schule gegangen? Sie hatte das Foto hier verloren, also musste sie in der Nähe leben, oder? Sicher war die Schule damals genauso scheiße gewesen, wie heute. Waren ihre Eltern Nazis?
Auf dem Bild trug sie Ihre kurzen, weißen Haare gescheitelt. Wie ein versetztes M. Hinter ihrer Brille hatte sie die Augenbrauen leicht gehoben. Der Gesichtsausdruck von jemandem, der viel zu sehr versucht neutral zu gucken und dabei alle Gesichtsmuskeln verkrampft. Sie trug einen Schal mit einem unerkennbaren Muster aus Blautönen. Piet mochte vor sehr langer Zeit mal die Farbe Blau. Mehr konnte man auf dem kleinen Foto nicht erkennen.
„Woher hast du das?!“,
riss Piet eine Stimme aus seiner Tagträumerei. Bevor er antworten, geschweige denn hochsehen konnte, wurde ihm das Bildchen auch schon mit spitzen Fingern aus der Hand gezupft. Als Piet es dann endlich zu Stande brachte hochzusehen, zweifelte er kurz an seinem Verstand. Vor ihm stand die Passfoto- Omi. In 3D. In echt!
„Hast du nichts zu deiner Verteidigung zu sagen, Junge?“,
fragte die Omi. Sie trug die gleiche Brille, aber einen orangenen Schal. Sie hatte die gleiche Frisur, aber ihr Gesicht bewegte sich anders, als Piet es von dem Foto erwartet hätte. Weniger altehrwürdig oder gezügelt. Die Omi vor ihm war ohne Zweifel eine Omi, aber Ihre Augen funkelten feurig und es wirkte, als würde sie über ihren eigenen Körper herausragen. Unter all den Falten und über die über den Rollator gebückte Figur hinaus bewegte sich vor Piet etwas, das so geschmeidig war wie flüssiges Silber. Seine Gehirnzellen feuerten ohne Ziel in alle Richtungen. Sie zerschossen Piets Hirn und machten ihn noch unfähiger einen klaren Gedanken zu fassen, als wenn er im Nebel war.
„Äh, ähm, ich... ich habe das gestern gefunden. Auf dem Bürgersteig.“
„Aha? Und?“
„Ich habe es mitgenommen?“
„Soso.“
Stille.
„Heißen sie Hilda, oder Margarethe?“
Von einem Moment auf den anderen fing die Omi an zu lachen. Es half Piet nicht mit dem Chaos in seinem Kopf, welches sich bis gerade eben noch auf eine sehr harte Schimpftirade vorbereitet hatte. Es war ein so lautes, ehrliches und warmes lachen wie Piet es seit langer Zeit nicht gehört hatte. In Filmen, vielleicht. Aber das war nicht so echt. Nicht so überwältigend, wie die Flut aus orangenem Lachen, die in diesem Moment von der Omi aus über Piet hereinbrach.
Es dauerte einige Sekunden, bis die Passfoto Omi sich von ihrem Lachen erholt hatte und ihre funkelnden Augen wieder auf Piet fixierte. Immer noch schelmisch grinsend fragte sie
„Willst du einer alten Dame vielleicht jetzt mal endlich den einzigen Sitzplatz an dieser Haltestelle anbieten?“
Piet sprang förmlich auf, überraschte sich selbst damit, dass er sich so schnell bewegen konnte und trat zur Seite. Die Omi setzte sich auf den Metallgittersitz, als wäre es ein Sessel mit Rückenlehne und Holzornamenten, und atmete ein paar Mal tief durch.
„Ich bin Edda. Und wer bist du, junger Passfotodieb?“
Es war also wirklich ein Passfoto!
„Piet. Himmelwehr.“
Edda setzte sich etwas gerader hin und sah sich ihr eigenes Passfoto an.
„Ich schau da total verkrampft, nicht?“
Piet nahm zwar an, dass es sich hierbei um eine rhetorische Frage handelte, aber antwortete auch aus Höflichkeit lieber nicht.
„Warum haben sie gelacht?“
„Warum hast du gelacht, Edda? Das wäre die richtige Frage, Piet.“
„Sicher?“
„Die Jugend heutzutage. Kein Vertrauen mehr in die Worte der Älteren.“
Piet wusste nicht, wie er das interpretieren sollte und starrte deshalb weiter unbeholfen diese enigmatische Frau an, die vor ihm an der Bushaltestelle saß.
„Eine schrullige Rentnerin wie ich darf lachen, wann und wo sie will, ohne irgendeiner Seele auf diesem Planeten Rechenschaft schuldig zu sein.“
Also keine Antwort heute, dachte sich Piet und schloss damit vorerst Frieden. Das Edda sich selbst als „schrullige Rentnerin“ bezeichnet hatte, half auch nicht mit dem Chaos in seinem Kopf, welches weiterhin sehr chaotisch in Piets Oberstübchen agierte. Nun sah Edda hoch und ihm direkt in die Augen.
„Ich habe was gut bei dir.“
Das kann nichts Gutes bedeuten, schlug ein Geistesblitz bei Piet ein.
„Du spendierst mir heute mein Busticket, Piet.“
Von sowas hatte Piet noch nie gehört. Rentnerinnen, die Schüler um ihr Geld erpressen? Wobei, er war ja kein normaler Schüler in dem Sinne. Also eine „schrullige Rentnerin“, die einen Loser wie ihn erpresst.
Womit erpresste sie ihn überhaupt?
„Warum sollte ich dein Busticket bezahlen, Edda?“
„Heureka! Endlich mal ein anständiger Satz aus dem Mund dieses Jungen!“,
rief Edda in den Himmel und hob dabei ihre Arme, als würde sie einer höheren Instanz dort oben danken wollen.
„Warum du mir ein Ticket spendieren musst, Piet? Weil ich sonst all deinen Freunden in der Schule erzähle, dass du Bilder von alten Frauen sammelst, um was weiß ich was mit ihnen zu machen.“
Piet wollte gerade widersprechen und sagen, dass er gar keine Freunde hatte, denen sie es hätte erzählen können, aber konnte sich so eben noch davon abhalten. Das hätte alles nur noch peinlicher für ihn gemacht. Es war Piet peinlich keine Freunde zu haben. Dann fiel ihm auf, dass Edda anscheinend dachte, dass er jemand war, der viele Freunde in der Schule hatte. So eine Situation war neu für ihn. Wie würde jemand mit vielen Freunden in der Schule wohl auf so etwas reagieren?
„Oh, nein? Nicht meinen vielen Schulfreunden?! Nicht, dass die das meinen vielen Freunden von anderen Schulen erzählen, denn die könnten das ja meinen Freunden von... Übersee erzählen!! Ich spendiere dir natürlich das Ticket, Edda. Äh,... Sorry.“
Edda verkniff sich etwas zu auffällig ein Lachen. Auch Piet musste grinsen. Was ein absurder Vormittag. Als der Bus kam, kaufte Piet zwei Tickets und setzte sich nach links vorne. Beim Rewe stieg Piet aus. Edda auch. Aus ihrer ohnehin schon großen Tasche kramte sie einen noch viel größeren, sauber gefalteten Stoffbeutel, den sie Piet von hinten an den Kopf klatschte. Als dieser sich erschrocken umdrehte, drückte Edda ihm den Beutel an die Brust.
„Ich habe noch sehr viel mehr gut bei dir als nur das mickrige Busticket, Pietchen. Meinste nicht auch?“
Sie zwinkerte dem noch immer völlig perplexen Piet zu und überholte ihn mit ihrem Rollator.
„Heute mache ich einen Großeinkauf!“,
rief Edda.
Piet löste sich aus seiner Schockstarre und begann hinter ihr her zu trotten. Edda hatte nicht gelogen mit dem Großeinkauf. Sie kaufte ein wie jemand, der eine ganze Großfamilie von Vielfraßen über die Festtage versorgen muss. Zumindest wurde der Beutel sehr sehr schwer für die untrainierten Stöckchen, die Piet seine Arme nannte. Als sie zusammen aus dem Rewe kamen fiel Piet auf, dass er selbst noch gar nichts eingekauft hatte. Er stellte den schweren Tragebeutel ab und wollte schon wieder hineingehen, als Edda ihn an seiner Kapuze mit einem Ruck zurückzog, dadurch fast erwürgte und auch beinahe von den Beinen hebelte. Sie nutzt einen Rollator, dachte sich Piet, wie hat diese Rentnerin so viel Power in den Armen? In dieser Frage fand er auch direkt seine Antwort. Jemand, der sich den ganzen Tag auf einen Rollator abstützt “trainiert“ genauso seine Arme, wie jemand der regelmäßig ein Fitnessstudio besucht.
„Wie denkst du denn, dass ich das alles zu mir nach Hause bekomme, Piet?“
Piet sah Edda verständnislos an. Mit einem fragenden Gesichtsausdruck und einem Zeigefinger, der sich wie von selbst auf seinen Körper richtete, stand er vor Edda.
„Ja, du! Du hast noch Einiges wieder gut zu machen, meinste nicht, Pietchen?“
Piets Gesicht hörte auf stumm zu fragen und begann stumm zu flehen. Doch es war überflüssig, denn Edda war schon wieder auf dem Weg zur Bushaltestelle. So kam es dazu, dass Piet seinen Tag damit verbrachte verschiedenste Hausarbeiten rund um Eddas Haus zu verrichten. Rasenmähen, das Bad putzen, Staubsaugen, Teppiche ausklopfen, Unkraut rupfen, et cetera et cetera. Als er völlig fertig wieder vom Büsche trimmen aus dem Garten in Eddas Haus gestolpert kam, lief Piet beinahe gegen einen Mann, der im Eingang stand. Piet hatte mal wieder nur auf den Boden geguckt. Der Mann war Ende vierzig und Eddas Sohn Hans.
„Wer bist du und was machst du im Garten meiner Mutter?“
„Ich, äh, ich hab nur Büsche getrimmt und den Rasen gemäht und Unkraut gerupft und...“
„Himmelherrgott. Ich meine, alles gut. Das reicht mir schon. Mehr muss ich gar nicht hören. Weißt du zufällig, wo meine Mutter gerade ist?“
Piet, vollkommen eingeschüchtert, aber nicht verängstigt, schüttelte den Kopf. Hans strahlte wie seine Mutter eine angenehme Wärme aus. Es war, als würde in Hans konstant eine Stimmgabel sanft brummen. Aber anders als seine Mutter schien er nicht über seinen Körper hinaus. Alles, was Hans war, passte perfekt in den Körper, der sich Hans nannte. Es war allerdings auch zugegebenermaßen ein großer Körper. Wie einer, der auf dem Bau sehr viel körperliche Arbeit verrichtet.
Zusammen durchstreiften Piet und Hans Eddas Haus und fanden sie in der frisch von Piet geschrubbten Badewanne. Piet blieb draußen, während Hans mit seiner Mutter sprach. Die Tür blieb offen.
„Mama, sowas kannst du nicht machen. Das ist Kinderarbeit.“
„Kinderarbeit?! Solche haltlosen Anschuldigungen weise ich von mir. Woher weißt du denn, dass ich ihn nicht fair bezahle?“
Hans Kopf ploppte neben Piet aus dem Türrahmen.
„Bezahlt sie dich?“
Piet schüttelte den Kopf.
„Mama, was soll ich denn den Eltern erzählen, wenn sie fragen, warum ihr Sohn schweißüberströmt und dreckig nach Hause kommt?“
„Ach, das passt schon. Er hätte ja jederzeit nein sagen können. Außerdem musste ja mal irgendwann irgendjemand mein Haus auf Vordermann bringen, meinste nicht?“
„Aber dafür bin ich doch extra angereist!“
„Und jetzt haben wir die ganze Zeit zum Quatschen und Kaffeekränzchen machen. Apropos, holst du mal den Kuchen aus dem Ofen, der müsste fertig sein.“
Piet hörte Hans tief einatmen, um sich zu sammeln. Danach nahm Hans Stimme einen ruhigeren und nur minimal resignierten Ton an.
„Ja, Mama. Schön wieder hier zu sein.“
Damit gab Hans sich offiziell geschlagen, kam aus dem Bad, seufzte laut und schüttelte lächelnd den Kopf. Jetzt erst roch Piet den besprochenen Kuchen und ihm fiel auf, dass er seit dem Morgen nichts gegessen hatte. Piet folgte Hans in die Küche, wo dieser den Kuchen aus dem Ofen nahm und drei Stücke auf Tellern präparierte. Apfelkuchen mit Mandelscheiben obendrauf. Er kochte sich und Edda Kaffee und Piet bekam ein Glas Orangensaft. Dann erzählte Piet ihm die ganze Geschichte. Allerdings erst nachdem Hans ihn mehrfach darum gebeten hatte. Es war eine Folter für Piet. Achtzig Prozent Folter, zwei Prozent Glück darüber, diese schrägen Ereignisse mit jemandem teilen zu können und genau achtzehn Prozent Erschöpfung nach einem ganzen Tag voller Hausarbeiten.
Die Uhr zeigte 17:30 Uhr, als Edda sich dazugesellte und dem Mann und dem Jungen jeweils ein zweites Stück Kuchen gab. Hans entschuldigte sich mehrfach für das Verhalten seiner Mutter, die ihm wiederholt in die Entschuldigungen grätschte mit Sätzen wie:
„Was hätte der Junge denn sonst gemacht, mit seinen Freunden gegammelt? Videospiele gespielt?“,
oder auch
„Die Jugend von heute muss sich mehr um ihre Älteren kümmern, meinste nicht? Das ist doch eine Sache von Respekt!“
Piet lernte, dass Hans ein paar Städte weiter in der Verwaltung arbeitete. Das Hans in seiner Freizeit gerne ein paar alten Freunden in ihrer Umzugsfirma zur Hand ging, würde Piet erst einige Monate später erfahren. Als Piet dann irgendwann gehen wollte, wurde er an der Tür noch einmal von Edda eingeholt, die ihm eine Einkaufstüte mit Lebensmitteln in die Hand drückte.
„Du bist ja heute nicht zum Einkaufen gekommen.“
Sie zwinkerte ihm zu und verschwand wieder im Haus.
„Und die Tüte bringst du mir morgen zurück, Piet.“,
rief sie dem Loser mit dem Rücken zu ihm zu, der nach dem ganzen Tag und all seinen schrägen Vorkommnissen nicht einmal mehr dazu in der Lage war, seinen Mund zu öffnen. Einzig ein leises „Klar, Edda.“ waberte in seinem nebelfreien, aber trotzdem kaum aktiven Hirn herum.
Zuhause in seinem Bett angekommen fiel Piet in ein schwarzes, traumloses Loch. Für ihn hatte der Tag genug soziale Interaktionen für ein halbes Jahr beinhaltet. Piet würde sich an das höhere Pensum sozialer Interaktionen noch gewöhnen müssen, aber das wusste er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
Als Piet am nächsten Tag die Tüte zurückbrachte und ein weiteres Stück Apfelkuchen aufgetischt bekam, schaffte Edda es, ihn zu einem weiteren Kaffeekränzchen am folgenden Wochenende zu verpflichten. Auch wenn Hans noch da war, oder vielleicht deswegen noch mehr, wollte Piet nicht seine Position bei Edda aufgeben, angeblich jemand zu sein, der bei seinen vielen Freunden einen Ruf zu verlieren hatte. Diese Kaffeekränzchen am Samstag wurden ein regelmäßiger Termin. Piet lernte Hans Frau und Kinder kennen. Die Zwillinge waren in seinem Alter und schlossen mit Piet seine erste Freundschaft seit Edda. Er lernte auch Eddas ältesten Sohn Marvin und seinen Partner kennen. Piet gab wirklich sein Bestes alle Namen zu behalten, aber gelegentlich musste er dann doch nochmal Edda nach den Namen mancher entfernterer Verwandter fragen.
Edda behandelte Piet nicht vorsichtig. Sie kommentierte oft seine Antriebslosigkeit und mangelnden Muskeln, bevor sie ihn zur Gartenarbeit und dem Konsum von mehr Kuchen “motivierte“. Piet fand, dass er es mochte jemand zu sein “der viele Freunde hatte“. So jemand war selbstbewusster, größer, lachte mehr. Das Mobbing hörte zwar nie wirklich auf, aber es wurde weniger und Piet vergaß manchmal in der Schule, dass er dort eigentlich nicht “jemand mit vielen Freunden“ war. Edda behandelte ihn stets wie einen alten Freund. Jemanden auf Augenhöhe. Selbst als Piet seinen Wachstumsschub bekam und auf Eddas schwindende, weiße, gescheitelte Haare herabsehen konnte.
Piet erzählte seinen Eltern von Edda nicht mehr, als dass sie sich um ihn keine Sorgen würden machen müssen. Mehr wollten seine Eltern auch gar nicht wissen. Piets Mutter musste, von allen möglichen Tagen des Jahres, ausgerechnet über Weihnachten verreisen. An Heiligabend erzählte sein Vater ihm, dass sie sich scheiden lassen würden. Den ersten Weihnachtstag verbrachte er bei Edda und ihrer Familie. Am zweiten waren alle wieder weg und Piet weinte eine lange Zeit in Eddas Garten. Er weinte, bis er sich fühlte wie eine Rosine. Schrumpelig und ausgetrocknet.
Er begann mehr Zeit mit seinem Vater zu verbringen, der eine ganze Weile lang sehr einsam war. Piet kannte das Gefühl und wollte seinen Vater damit nicht allein lassen. Getrennt lernte Piet seine Eltern zum ersten Mal so richtig kennen. Ihre Stärken, ihre Schwächen, ihre Eigenheiten und die anderen Dinge, die er von ihnen geerbt hatte.
Fast ein ganzes Jahr verging und es war wieder Herbst geworden, als Piet ein letztes Mal Eddas Apfelkuchen riechen würde. Es war ein Samstag und Piet kam zu Edda zum Kaffeekränzchen. Sie sprachen wie immer über ihre Familien, die Schule und worüber man noch so alles redet, wenn es ein Samstag im Herbst ist und draußen zu kalt, um schon nach Hause gehen zu wollen.
Da fiel Piet etwas ein.
„Du, Edda?“
„Piet, Junge, was ziehst du denn für ein Gesicht? Siehst ja aus, als hätt´ ich was Saures in den Kuchen gebacken.“
„Ha ha. Ich habe dich das nie wieder gefragt, aber damals an der Bushaltestelle, als wir uns das erste Mal getroffen haben, da habe ich dich gefragt, wie du heißt...“
„Nix da, wie ich heiße, du hast mich gefragt, ob mein Name Hilda oder Margarethe ist.“
„Ja genau! Und dann hast du angefangen zu lachen. Ehrlich gesagt hatte ich gedacht du würdest mit mir schimpfen, wegen des Passbildes, aber du hast einfach nur gelacht. So unglaublich gelacht. Ich habe dich gefragt warum. Warum hast du damals so gelacht, Edda?“
„Hör mal. Ich wollte einkaufen gehen und da sitzt plötzlich vor mir an der Bushaltestelle ein kleiner Loser und stiert mein Passbild an. Ein Passbild auf dem ich schrecklich ausschaue noch dazu! Um ehrlich zu sein, ich wollte mit dir schimpfen, aber dann hast du mich gefragt, ob ich Hilda oder Margarethe heiße. Zu den Namen sag ich jetzt erstmal nix. Die hätte ich fast als persönliche Beleidigung genommen. Aber dann dachte ich mir so, der Junge hat ein Passfoto von einer schrulligen Omi auf dem Bürgersteig gefunden und mitgenommen. Nicht weggeschmissen, oder zerknüllt. Und dann hat er sich diese gefundene Passfoto-Omi angesehen und sich ernsthaft gefragt, wie sie heißt. Piet, sowas macht nur jemand, der ganz dringend einen Freund braucht, meinste nicht?“
Piet hatte zwar vermutet, dass Edda schon länger gewusst hatte, dass er damals keine Freunde hatte, aber nie gewusst, warum sie ihn an dem Tag in ihr Leben gezogen hat. Auf gewisse Weise hatte Edda den Loser Piet selbst an dem Tag wieder ins wirkliche Leben gezogen.
Piet begann zu lachen. Endlich frei von der Scharade, die nie eine gewesen war. Nur versteckte Teile von Piet, die er sich nicht getraut hatte zu zeigen. Edda begann auch zu lachen. Es war ein so lautes und ehrliches, warmes Lachen. Echt und endlich frei. Eine so überwältigende Flut aus orangenem Lachen, die in diesem Moment von den beiden Freunden ausbrach und das ganze alte Haus flutete.
Dieser Samstag war das letzte Mal, dass Piet Eddas Apfelkuchen riechen würde. Auch wenn es zu erwarten ist, dass Menschen eines gewissen Alters irgendwann einfach gehen, kommt es doch trotzdem immer unerwartet bei denen, die einem Nahe stehen.
Piet weinte am Tag nach der Beerdigung in Eddas Garten. Er weinte sehr lange, bis er kaum noch Luft bekam. Er weinte mit den Zwillingen und Hans und der Frau von Hans und allen anderen Menschen, die sich jetzt auf sehr sehr lange Zeit von Edda hatten verabschieden müssen. Aber anders als nach der Trennung seiner Eltern trockneten die Tränen ihn nicht aus. Statt zu einer Rosine machten ihn die Tränen, die er für Edda weinte, reicher. Sie fielen wie ein glänzender Lack über all die wichtigsten und liebsten Erinnerungen, die Piet an seine gute, alte Freundin hatte und konservierten sie wie Fotos in einer Galerie, in der es nach Apfelkuchen riecht.