Das Orchester

Mit sechs Jahren war Benito zum ersten Mal im Orchester. Seine Mutter nahm ihn mit und sagte mahnend „Sowas siehst du vielleicht nie wieder.“ Der kleine Benito hatte sich darüber beschwert in der heißen Sommersonne in die Stadt laufen zu müssen, denn ein Auto hatten sie nicht und Geld für ein Busticket wurde nur ausgegeben, wenn man damit zur Schule fuhr, die zwei Dörfer weiter war. Es war das erste Mal, dass Benito einen Anzug trug nach seiner Einschulung. Es war der Anzug seines großen Bruders und ihm immer noch drei Größen zu groß. Der schwarze Anzug klebte an der vom Schweiß glänzenden, Sonnengetönten Haut von Benito. Er juckte. Die Stadt war so voll wie es Benito sie noch nie gesehen hatte. Nicht an Karneval, nicht beim Stadtfest, nicht einmal zum Todestag des großen Befreiungskämpfers. Das Orchester war nicht allzu groß. Viellicht 20 bis 25 Musiker und Musikerinnen. Keiner jünger als seine Mutter. Keiner älter als seine Oma. Benito maß nicht nur das Alter von anderen an den Frauen in seinem Leben, sondern auch Kraft, Mut, Liebe, Schönheit und vieles mehr. Die Musikanten des Reiseorchesters saßen auf Hockern und Stühlen aus den umliegenden Restaurants und Bars auf dem großen Platz in der Stadtmitte. Auch sie schwitzten in ihren engen, schwarzen Anzügen kübelweise in der Nachmittagssonne. Schlechte Planung ihrerseits. Kein Musiker von hier würde jemals vor neun Uhr abends auf die Straße kommen. Doch nun war es auch für sie zu spät, um noch in den Schatten zu fliehen. Menschen aus dem Dorf, sowie den umliegenden Dörfern hatten die kleine Truppe umschlossen und setzten sie mit erwartungsvollen Blicken fest. Mit großen Augen besah Benito die funkelnden Instrumente aus Holz und Blech und stellte fest, dass sich schon eine kleine Staubschicht auf ihnen gebildet hatte. Diese Staubschicht überzog alles und jeden in Benitos Dorf. Es war nur natürlich, dass sie auch die Instrumente und die Musiker beanspruchen würde. Hatte man auch nur seine Kindheit in Benitos Dorf verbracht, so würde man diese Sandschicht nie wirklich abgewaschen bekommen. Dann stand eine Frau, sie war lang, streng und unglaublich charismatisch, aus der für Benito kaum auseinanderzuhaltenden Menge von Musikanten auf und hob einen kleinen Ast. Als die ersten Schallwellen Benito erreichten, machte er fast einen Schritt zurück. Als würde ein Wind aus Klang von den Menschen in den schwarzen Anzügen zu Benito wehen. Er fühlte, wie sich schon nach wenigen Takten die Haare in seinem Nacken erhoben. Die Musik war alt. Älter als seine Oma und doch, für diese Stunden, in denen die Nachmittags- zur Abendsonne wurde, war diese Musik alles, was Benito wahrnehmen konnte. Das Orchester war reingewaschen durch ihre Musik. Um sie herum verschwanden die heißen Steine und schweißnassen Menschen. Die Schwingungen brachten die Welt selbst zum tanzen und Benito sah einen Palast. Einen Palast aus Gold und roten Samtsitzen und um ihn herum wurden die Menschen zu Kennern. Alle in Anzügen und Fliegen und Krawatten und Abendkleidern mit moderatem Dekolleté und Schmuck aus Silber. Benito war frei in der Musik. Frei von jeglichem Hunger und Durst. Frei von allen Leiden, die ein Mensch je erleben könnte. Er war wie die Musik, für die Dauer der Vorstellung, unsterblich.