Die Farbe
Die alten Lichtröhren im Baumarkt summten unaufhörlich. Tag und Nacht hüllte das Summen die Halle. Selbst nach Ladenschluss summten sie noch eine ganze Weile weiter. Das Summen durchdrang jedes Regal, jede Deckenplatte, den Boden, die Blumenerde, generell jedes Objekt, das je seinen Weg in diesen Baumarkt gefunden hatte. Willi fragte sich, wie lange es wohl dauern würde, bis das Summen auch ihn durchdringen würde. Er lebte in einem kleinen Kaff im Norden. Der Baumarkt war der Einzige Laden in der ganzen Kleinstadt, der noch nicht seine Leuchten ausgetauscht hatte. Alle anderen Läden waren schon seit Jahren mit stillen, diskreten, unaufdringlichen Leuchten ausgestattet worden. Willi war heute im Baumarkt, um sich einen Eimer Farbe zu kaufen. Er suchte ein ganz spezifisches Türkis für seine Enkelin, die bald Geburtstag hatte, und sich ein sogenanntes „Zimmer Makeover“ gewünscht hatte. Schnurstraks lief er auf die Farbabteilung zu. Schnell den Eimer holen und wieder raus in die moderne Welt. Bei der Farbabteilung angekommen glich Willi die Kleber auf den Eimern mit einem eigens ausgedruckten Beispiel der Farbe ab. Keiner passte so richtig. Er sah noch ein letztes Mal über alle Eimer. Die Farben kamen ihm seltsam bekannt vor. Als er sich gerade dazu entschließen wollte die Farbe online zu kaufen, tippte jemand ihn von hinten an. Willi erschreckte sich so dermaßen, dass er doch glatt seinen eigens ausgedruckten Zettel mit der Farbe fallen ließ.
„Kann ich Ihnen weiterhelfen?“
„Große Güte, Sie haben mich aber erschreckt, junge Dame.“
„Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?“
Willi drehte sich um und sah, dass die junge Mitarbeiterin auf ihr Handy sah. Sie trug eine Cap, die ihr nach schräg-unten gerichtetes Gesicht verdeckte und hatte seinen Schrecken überhaupt nicht mitbekommen. Ihre Statur kam ihm seltsam bekannt vor.
„Ist schon ok. Ich bin schon fündig geworden.“,
log Willi. Wortlos drehte sich die Mitarbeiterin von ihm ab und verschwand in den Weiten der Halle. Leicht verwirrt von diesem seltsamen Treffen schüttelte Willi den Kopf, hob den Zettel wieder auf und ging aus der Farbabteilung raus. Das Summen begann ihm langsam auf die Pelle zu rücken. Es war wie ein Klang aus einer anderen Ebene. Wie eine verzerrte Erinnerung. Fern. Willi wollte raus. Er hatte schon die Kasse ins Auge gefasst und würde sich noch Kaugummis mitnehmen, um nicht ganz unnütz hier gewesen zu sein, als ein weiterer Mitarbeiter ihn ansprach.
„Guten Tag! Was suchen Sie bei uns?“
„´Tag. Ich hatte Farbe gesucht, aber...“
„Farbe, das ist mein Spezialgebiet! Was für eine Farbe suchen Sie bei uns?“
Willi wollte weg, aber war auch ein Mann von Anstand und wollte den aufmerksamen und sichtlich bemühten Herren nicht verletzen, weshalb er sich entschloss das Gespräch noch etwas fortzuführen.
„Es war... eine Sekunde... dieses Türkis.“
Willi hielt dem Verkäufer den Zettel vor die Nase.
„Das haben wir nicht im regulären Sortiment.“
„Das ist mir schon aufgefallen.“,
grummelte Willi. Unhörbar für den Verkäufer.
„Allerdings können Sie gerne im Lager suchen.“
Willi hatte noch nie etwas on einem Lager gehört, geschweige denn von außen einen Raum gesehen, der als Lager dienen könnte.
„Sie haben ein Lager?“
„Es gibt immer ein Lager.“,
antwortete der Verkäufer nahezu perplex.
„Ist es unterirdisch? Von außen kann man es nicht sehen.“
„Waren Sie draußen?“
„Was?“
„Folgen Sie mir. Ich führe Sie zum Lager.“
Der Verkäufer lief vor und der immer verwirrter werdende Willi folgte ihm. Das Summen hielt er sich nur noch mit Mühe vom Leib. Der gar nicht mehr so junge Mann kam ihm so bekannt vor, aber Willi wusste nicht woher. Er schien wie ein Teil des Summens. Eine Frequenz aus einer anderen Zeit. Einer anderen Ebene. Sie liefen vorbei an der Holzabteilung, der Blumenabteilung, den Farben, den Seilen und Willi verlor den Anschluss. Die Regale schienen nie aufzuhören, das Summen nie zu stoppen und der Weg endlos. Sie kamen an der Tür mit dem Schild an, das „Lagerraum“ darauf stehen hatte. Willi sah nicht zurück. Wo war er gerade noch gewesen? Hinter ihm gab es nichts mehr zu sehen, so viel stand fest. Summen füllte seine Ohren, seinen Kopf und seine Knochen, als er durch die Tür in die Dunkelheit trat. Ohrenbetäubende Stille und absolute Dunkelheit füllten seine Sinne. Stille und Dunkelheit. Dunkelheit und Stille.
„Schatz?“,
hallte plötzlich eine Stimme durch das Nichts. Willi kannte diese Stimme.
„Schatz?“
Da! Nochmal!
„Wilhelmine?“
„Ja, ich bin es. Ich bin es, Wilhelm. Deine Wille.“,
antwortete die Stimme, die er so gut kannte, die er so sehr vermisst hatte. Seine Antwort brach aus ihm mit überbordender Freude heraus.
„Ich bin es, Wilhelmine. Dein Willi.“
Die Dunkelheit wich und Willi stand seiner Frau gegenüber. Die Frau, die er bis heute liebte, auch wenn sie vor sieben Jahren verstorben war. Tränen füllten seine Augen.
„Wie?“,
brachte er unter Tränen und Schluchzen hervor, doch seine Frau wandte ihren Blick ab.
„Du weißt wie, Schatz“
Erst schüttelte Willi seinen Kopf, doch dann dämmerte es ihm langsam, wo er war. Viel mehr jedoch, wo er nun nicht mehr war.
„Aber ich muss doch noch Lana ihr Geburtstagsgeschenk kaufen.“
„Alles gut, Schatz. Sie wird es verstehen.“
Die weiche Hand seiner verstorbenen Frau fuhr zärtlich über seine Raue, faltige Wange.
„Aber ich muss... muss doch noch tanken fahren und... und mein Buch beenden und...“
„Es ist alles gut. Lass es los.“
Noch immer sah sie ihn nicht an. Nun weinte Willi nicht mehr aus Freude. Sein alter Körper bebte unter den Heulkrämpfen, bis er sich noch ein Mal zusammennahm. Er würde seiner verstorbenen Frau die Frage stellen. Er musste es mit absoluter Sicherheit wissen. Dass er nun hier war. Bei ihr und nicht mehr da, wo seine Enkelin bald Geburtstag feiern würde. Er raffte sich auf, um zu fragen, doch als er in ihre Augen sah, traf ihn die Wahrheit mit bitterer Klarheit. Ihre Augen waren die Farbe, die er gesucht hatte. Die Verkäuferin seine Enkelin. Der Verkäufer sein Sohn, die Farbabteilung seine Wohnung und das Summen der Lampen in Wahrheit der Defibrillator, mit welchem die eigentlichen Baumarktmitarbeiter versucht hatten sein Herz wiederzubeleben. Der Baumarkt, den Willi betreten hatte, hatte er nie von außen gesehen. Der Baumarkt, den er betreten hatte, war seine letzte Station vor dem Ort, an dem er nun mit seiner Frau wieder vereint war.
Das Ende